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Nachts in den Räumen von Tel 143

News Freiwillig-Tel-143-Telefon
30.10.2020
Heute berichtet ein langjähriger Freiwillig Mitarbeitender, wie er sich auf einen Nachteinsatz am Telefon der Dargebotenen Hand Ostschweiz/FL – Tel143 – vorbereitet und wie er diesen erlebt. Während seinem Engagement hat er bereits etliche Nächte in den Räumlichkeiten von Tel143 verbracht.

« Nach der Hauptausgabe der Tagesschau lege ich mich zu Hause noch für ein halbstündiges Schläfchen aufs Sofa. Als Freiwilliger im Pensionsalter halte ich es für ratsam, mich noch etwas auszuruhen, bevor um 22 Uhr die Nacht­schicht bei Tel143 beginnt. Wie ich im Büro von Tel143 ankomme, ist meine Kollegin, die eine Stunde später nach Hause ge­hen wird, am Telefon in ein Gespräch vertieft. Um diese Zeit ist dies meistens der Fall, und auch in meinem Zim­mer dauert es nicht lange, bis es klingelt. Kaum habe ich das Gespräch mit einer Frau begonnen, werden wir zweimal unterbrochen.

Die Stimme, die sich als nächste meldet, gehört einem Mann in Panik, weil er von der KESB ein Aufgebot zu einem Gespräch erhalten hat. Wir besprechen seine Situation und ich versuche ihm klarzumachen, dass die KESB nicht die Polizei, sondern – wie es der Name sagt – eine Schutzbehörde und ein Hilfsangebot ist. Nach 20 Mi­nu­ten hat sich der Mann ein wenig beruhigt, auch wenn ihm das Aufgebot noch immer auf dem Magen liegt.

Kurz vor 23 Uhr nehme ich den Anruf eines Mannes ent­gegen. Der Anrufer bezeichnet sich als unglücklich, womit ein längeres intensives Gespräch, quasi von Mann zu Mann, beginnt. Wir analysieren seine berufliche und private Situation, seine Erfahrungen, Enttäu­schun­gen und Ängste. Es tut ihm offensichtlich wohl, im Schutz der Anonymität und der Ruhe der Nacht ein persönli­ches Gespräch führen zu können. Irgendwann möchte ich sein Alter wissen. Er ist viel jün­ger, als ich ange­nom­men hatte. Umso überzeugter kann ich ihm Mut machen: Es stehen ihm noch alle Möglichkeiten offen. Es gilt aber, den eigenen Weg zu finden und sich nicht von «Glanz und Gloria» beeindrucken zu lassen. Der Anru­fer dankt, seine anfängliche Niedergeschlagenheit hat sich etwas aufgehellt – ein Aufsteller, auch für mich.

Gegen Mitternacht nehmen die Anrufe meistens ab. Ich kann daran denken, mich für die Nacht bereit zu machen. Fast rundum ist es dunkel, selten hört man in der Ferne ein Auto vorbeifahren. Ich denke nochmals an die Anrufen­den, denen ich eben begegnet bin, aber auch an andere, deren Probleme und Ängste ich kenne. Wie geht es ihnen wohl, jetzt in dieser Nacht? Dann lege ich mich zu Bett. Der PC und damit etwas Licht bleibt angestellt. Der Wecker ist gestellt; gut mög­lich, dass ich erst gegen Morgen richtig schlafen kann.

Nach einer Viertelstunde klingelt es: ein «Notfall». Dem Anrufer ist im Ausgang etwas Unange­neh­mes passiert. Das muss er loswerden. Ein paar väterliche Worte genügen, um ihn zu beruhigen. Eine Stunde später werde ich durch den Anruf einer Frau geweckt, die nicht schlafen kann. Wenig später folgt ein Gespräch mit einer Mutter, die nicht weiss, wie sie mitten in der Nacht mit ihrem quengelnden Kleinkind umgehen soll. Nachdem auch dieser Anruf verarbeitet ist, kann ich ein paar Stunden schlafen.

Um 7 Uhr übernimmt meine Nachfolgerin den Dienst. Auch wenn ich mich jetzt müde auf den Heimweg mache und zuhause nochmals ins Bett lege, spüre ich eine grosse Dankbarkeit für das unverdient gute Leben, das mir geschenkt ist. ».

Was viele nicht wissen: Die Dargebotene Hand ruht auf den Säulen von gut ausgebildeten Freiwilligen. Nur dank dem oft langjährigen, unentgeltlichen Engagement von unzähligen Freiwilligen steht Tel 143 Menschen in seelischer Notlage seit über 60 Jahren offen. Als Anerkennung für das Engagements der Freiwilligen für Die Dargebotene Hand – Tel 143 – wird die Organisation mit dem Prix Courage «Lifetime Award» 2020 ausgezeichnet.