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Tag des Zuhörens – 14.3.

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12.03.2024
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Zuhören als Kontrollverlust

Augustinus ist der Verfasser der ersten Autobiografie in der westlichen Literaturgeschichte. Er fragt sich in seinen Bekenntnissen – in den «Confessiones» – ob die Menschen ihm glauben, wenn er über sich selbst spricht.

Den Menschen könne er selbstredend nicht beweisen, dass seine Bekenntnisse wahr sind; «aber es glauben mir die, denen die Liebe das Ohr für mich öffnet», so schreibt Augustinus im dritten Kapitel des zehnten Buches seiner Bekenntnisse.

Die Liebe öffnet das Ohr für jemanden, dem man zuhört. Und so wird man ihm glauben.

Wenn man nun aber in Liebe jemandem sein Ohr leiht, der plötzlich von Rache spricht? Von seinen Gewaltfantasien? Von seiner tiefen Verachtung gegen bestimmte Volksgruppen und gegen alle Frauen? Davon, wie diese von ihm gewählten Schuld an Allem sind, was schlecht ist?

Unglaubliches wird ausgebreitet. Aufgeschnappte Inhaltsfetzen vom Hörensagen von irgendwoher. Beim Zuhören bald ein Gefühl von Überschwemmung, von Kontrollverlust. Man müsste die Ohren verschliessen und die Leihe des Ohrs beenden, eigentlich.

«Aber es glauben mir die, denen die Liebe das Ohr für mich öffnet.»

Wohin führt diese Liebe? Wohin führt das offene Ohr?

Bettina Wiesendanger, Pfarrerin im Kanton Zürich und Kantonsschullehrerin im Kanton St. Gallen